Lärmgeplagte Menschen gehen häufiger zum Arzt
General-Anzeiger Bonn vom 20.11.2006

Eberhard Greiser von der Uni Bremen legt in Siegburg die Ergebnisse seiner epidemiologischen Untersuchung vor - "Zusammenhang zwischen Fluglärm und Bluthochdruck sehr wahrscheinlich"

Von Antonius Nolden

Fluglärm macht krank : Dieses Fazit zieht der Bremer Wissenschaftler Eberhard Greiser aus seiner epidemiologischen Studie.Siegburg. Die Aula des Stadtmuseums in Siegburg war voll. Der Fluglärm und seine Auswirkungen auf die Menschen, die in der Umgebung eines Flughafens und im Bereich der Ein- und Abflugschneisen leben, ist ein Reizthema und wird ebenso leidenschaftlich wie kontrovers diskutiert.

Vor der Diskussion am Samstagmorgen musste aber erst Stoff gesammelt werden. Christian Maschke vom Forschungsverbund "Lärm und Gesundheit" der Technischen Universität Berlin fasste in seinem Vortrag bisherige wissenschaftliche Untersuchungen zusammen.

Etliche Fluglärmgegner wollten die Ergebnisse einer Studie erfahren, die initiiert wurde von der "Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf" in Siegburg. Das Umweltbundesamt und einzelne Gemeinden im Kreis haben die so genannte epidemiologische Untersuchung finanziell gefördert, der Kreis selbst steuerte 25 000 Euro bei.

Ziel von Eberhard Greiser vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen war es, "durch die Analyse von Daten gesetzlicher Krankenkassen und durch die adressgenaue Verbindung dieser Daten mit Parametern des Fluglärms und des Verkehrslärms (Schiene, Straße) zu ermitteln, ob für Versicherte in stärker durch Fluglärm belasteten Gebieten häufiger und in größerer Menge spezifische Arzneimittel verordnet wurden als für Versicherte in geringer oder gar nicht belasteten Gebieten."

Die Studie kommt zu dem Ergebnis: Vor allem der Nachtflug zwischen drei und fünf Uhr morgens ist gesundheitsschädlich, führt zu Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen. Herausgefunden hat Greiser das durch die Auswahl und Häufigkeit der verordneten Arzneimittel. So weist der Forscher nach: "Blutdrucksenkende Mittel wurden für Männer mit stärkerer Lärmbelastung um 24 Prozent häufiger verordnet" als in leiseren Regionen.

Auch die Lautstärke der Flugzeuge spielt eine Rolle: Bei geringer Lärmbelastung (40 bis 45 Dezibel) gehen die Menschen seltener zum Arzt als bei stärkerer Belastung (46 bis 61 Dezibel). Der Internist und Kardiologe Martin Kaltenbach, ehemaliger Ordinarius an der Uni Frankfurt, stellte die Daten in Zusammenhang mit gesundheitlichen Auswirkungen.

"Herz-Kreislauferkrankungen sind die häufigste Ursache von Krankenhausbehandlungen und verursachen doppelt so viele Todesfälle wie Krebs. Jede Art von Lärm, besonders Fluglärm, kann zu erhöhtem Blutdruck - wichtiger Auslöser von Herz-Kreislauferkrankungen - führen." Kaltenbach schloss mit der Folgerung, dass zur Vermeidung von Gesundheitsgefahren der nächtliche Lärm einen Pegel von 50 Dezibel nicht erreichen dürfe, sondern sogar konstant unter 45 Dezibel liegen sollte.

All diese Ergebnisse wurden von den Fluglärmgegnern im Stadtmuseum zur Bestätigung der eigenen Position erwartet, so dass die anschließende Diskussion eher einer Fragestunde glich: Welche rechtlichen Möglichkeiten haben fluglärmgeschädigte Patienten? Wäre es sinnvoll, auch die Verunreinigung der Luft durch Feinstaub zu untersuchen? Werden die Start- und Landegeschwindigkeiten von Flugzeugen am Tage und in der Nacht kontrolliert?

n seinem Schlusswort, für das er viel Applaus bekam, sagte Christian Maschke: "Im Sinne des Gesundheitsschutzes kann man nicht warten, bis alle Fragen geklärt sind. Der kritische Punkt ist erreicht."

(20.11.2006)