„Jahre auf diesen Tag hingearbeitet“

Kölnische Rundschau vom 20.11.2006

VON MARKUS CARIS, 20.11.06, 07:09h

RHEIN-SIEG-KREIS. Vor der Wissenschaft kam die Politik. „Willkommen in einer kleinen rheinischen Stadt, in der alles in Ordnung wäre, wenn es nicht den Fluglärm vom Flughafen Köln / Bonn gäbe.“ So begrüßte der Siegburger Bürgermeister Franz Huhn Wissenschaftler, Ärzte und weitere fachkundige Teilnehmer im Siegburger Stadtmuseum.

Zuvor hatte Dr. Gerda Noppeney (Troisdorf) als Vorsitzende der Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf auf die Bedeutung des medizinisch-wissenschaftlichen Symposiums hingewiesen: „Nachdem die Initiative über Jahre auf diesen Tag hingearbeitet hat, sind wir äußerst gespannt auf das Ergebnis.“ Und das elektrisierte zuhörende Politiker nach drei Stunden Vorträgen und Diskussion zu neuem Schub in ihrem Kampf gegen Nachtfluglärm (siehe Kasten).

Unermüdlich hatte die 2001 gegründete Ärzteinitiative in ihrem Bemühen, Gesundheitsgefährdungen durch Fluglärm nachzuweisen, Unterstützer und Geldgeber gesucht und gefunden wie das Umweltbundesamt, den Rhein-Sieg-Kreis und einige Städte im Kreis. Dann konnte der Bremer Umweltepidemiologe Professor Dr. med. Eberhard Greiser (68) mit seinem Team vor einem Jahr loslegen. Entstanden ist die am Samstag von ihm vorgestellte weltweit größte epidemiologische Studie zur Untersuchung möglicher gesundheitlicher Folgen des Fluglärms. Daten von 809 000 Versicherten von sieben gesetzlichen Krankenkassen wurden ausgewertet. Das entspricht 42 Prozent der Bevölkerung in der für die Studie ausgewählten Region (Stadt Köln, Rhein-Sieg-Kreis und Rheinisch-Bergischer Kreis). Er fand heraus, dass Einwohner in fluglärmbelasteten Gebieten am Flughafen Köln / Bonn signifikant häufiger blutdrucksenkende Mittel als Menschen in weniger oder nicht fluglärmbelasteten Vergleichsgebieten nehmen (die Rundschau berichtete). Von Herz-Kreislauf-Erkrankungen war die Rede, ebenso von häufiger Verordnung etwa von Tranquilizern, Sedativa und Antidepressiva. Greiser: „Niedergelassene Ärzte verordnen Medikamente nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil sie eine entsprechende Diagnose gestellt haben.“

Greisers Untersuchung stützte Dr. Christian Maschke (54) von der Technischen Universität Berlin mit einem internationalen Vergleich anderer, wenn auch weniger umfangreicher Studien, die ähnliche Ergebnisse zeitigten. Da die Studien in die gleiche Richtung weisen, könne man nun mit hoher Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Folgen des Fluglärms ausgehen. Maschke: „Wenn sich die Erkenntnisdichte einem bestimmten kritischen Punkt nähert, sollte man handeln. Für mich ist dieser Punkt erreicht.“ Zum Abschluss sprach einer, den Studentengenerationen als Nestor der Kardiologie kennen: Professor Dr. med. Martin Kaltenbach (78), emeritierter Ordinarius an der Goethe-Universität Frankfurt. Er berichtet von einer Studie von 2003. Dabei wurden bei 53 am Frankfurter Flughafen lebenden Personen Untersuchungen über Lärmempfinden, Herzfrequenz und Blutdruck gemacht. Es habe sich ein signifikanter Anstieg des Blutdrucks in Abhängigkeit vom jeweiligen Lärmpegel gezeigt, berichtete er.

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