„Man kann sich nur an den Kopf fassen“

Kölner Stadt-Anzeiger, Rhein-Sieg-Kreis, vom 20.11.2006
VON MICHAEL HESSE, 19.11.06

Siegburg - „Der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt gekommen“, fordert Christian Maschke Konsequenzen aus dem Ergebnis einer Studie, nach der nächtlicher Fluglärm krank macht. Der bislang umstrittene Zusammenhang ist für ihn wissenschaftlich erhärtet worden, bekennt der Mitarbeiter vom Forschungsverbund Lärm und Gesundheit der TU Berlin. Im Siegburger Stadtmuseum hatte der Bremer Umweltepidemiologe Professor Eberhard Greiser auf einem medizinisch-wissenschaftlichen Symposium die weltweit größte epidemiologische Untersuchung zum Fluglärm vorgestellt. Ihr Resultat: Männer und Frauen in fluglärmbelasteten Gebieten am Flughafen Köln / Bonn nehmen häufiger blutdrucksenkende Mittel als Erwachsene in weniger oder nicht fluglärmbelasteten Vergleichsgebieten. Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen sowie der gestiegene Medikamenteneinsatz sind die Folgen.

In der von Halvard Langhoff, Bezirksleiter des „Kölner Stadt-Anzeiger“, geleiteten Podiumsdiskussion wies Christian Maschke allerdings auch auf die Aussagefähigkeit solcher Untersuchungen hin. „Diese Studie“, sagte er, „könne keine kausalen Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und Fluglärm herstellen.“ Andererseits komme nur eine epidemiologische Untersuchung in Betracht, wenn es um das Ausmaß der gesundheitlichen Beeinträchtigung einer über Jahre einwirkenden Fluglärmbelastung im Wohnumfeld gehe.

Nächtlicher Fluglärm zwischen 3 und 5 Uhr hat demnach Auswirkungen auf die Häufigkeit und die Menge verordneter Arzneimittel. Blutdrucksenkende Mittel wurden für Männer mit stärkerer Lärmbelästigung um 24 Prozent häufiger verordnet als in einer Vergleichsregion, bei Frauen - die sensibler reagieren und häufiger Ärzte aufsuchen - bei 66 Prozent. Die Studie wurde von der „Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf“ initiiert und von Umweltbundesamt und Rhein-Sieg-Kreis gefördert. Greiser hat die Datenmenge von 809 000 Versicherten von sieben gesetzlichen Krankenkassen ausgewertet. Das entspricht 42 Prozent der Bevölkerung in der für die Studie ausgewählten Region: Stadt Köln, Rhein-Sieg-Kreis und Rheinisch-Bergischer Kreis.

„Vieles weist auf kausale Verkettungen hin, auch wenn epidemiologische Studien nur statistische Zusammenhänge aufzeigen können“, sagte Brigitte Hefer von der Ärztekammer Nordrhein. Dass eine kausale Erklärung nach wie vor nicht griffbereit ist, irritiert Teilnehmer der Diskussion nur bedingt. „Wir sind Empiriker“, sagte ein Arzt unter dem Applaus des Publikums. „Wir therapieren viel, ohne dass wir den letzten wissenschaftlichen Bereich erbringen könnten.“

Professor Martin Kaltenbach, der eine kardiologische Untersuchung im Gebiet des Frankfurter Flughafens leitete, wies darauf hin, dass „es massive Effekte bei Lärmpegeln gebe, die bisher als unbedenklich angesehen wurden.“ Für Michael Solf (CDU) steht nun fest: „Wer jetzt noch mit Ausflüchten und Verharmlosungen reagiert, versündigt sich an der Gesundheit der hier lebenden Menschen.“ Für die Grünen meinte Horst Becker: „Die Forderung des Flughafens, die Nachtfluggenehmigung über 2015 aufrecht zu erzalten, ist nicht akzeptabel.“

Das vom Bund geplante Fluggesetz würde alles nur verschlimmern, fürchtet ein Betroffener. „Es fällt hinter die freiwilligen Standards des Flughafens Köln / Bonn zurück“, klagte er. „Man kann sich nur an den Kopf fassen.“

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